Flanieren an einem Sonntag in Wien

4. Mai 2020

 

Inspiration, Faszination, Lebensfreude... Ein Spaziergang in Wien, an einem ruhigen Sonntagmorgen… die Empfindungen überschneiden sich, man entdeckt die Stadt neu und aus erbeuteten Bildern werden kleine Geschichten, die unser tägliches Leben verschönern… [1].

von Marlene Hübner,

Masterstudentin für Social Design
an der „Angewandten“, Universität für angewandte Kunst in Wien (Österreich)



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Karte zum Vergrößern anklicken.



Sonntags gehe ich oft spazieren. Meistens gehe ich durch meine Nachbarschaft in Wien, dem Stadtteil Margareten.

In Österreich bedeutet flanieren das Herumlaufen ohne ein konkretes Ziel. Sonntags bin ich „Flaneurin“. Auf der Karte habe ich eine meiner Routen illustriert, die ich regelmäßig gehe.

Nachdem ich mein Haus verlasse, spaziere ich an der Himalaya-Pizzeria vorbei. Der Besitzer spricht Hindi und serviert zahlreiche Gerichte, von Pizza, über Pasta, bis hin zu indischen Pakoras (in würzigem Teig frittiertes Gemüse).

Während ich die Reinprechtsdorfer Straße weiter entlang gehe, komme ich an dem Blumengeschäft Anastasiya Blumen Kreativ vorbei. Hier gibt es jedes Mal unterschiedliche Blumen in strahlenden Farben. Es gibt Skulpturen von Köpfen, die mit Pflanzen gefüllt sind. Es riecht hier erfrischend.

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Anastasiyas Blumengeschäft.

Von der Reinprechtsdorfer Brücke aus kann man manchmal das Wasser des „Wienflusses“ sehen, oft verströmt er den Gestank eines urbanen Kanals.

An der Rechten Wienzeile gibt es zahlreiche Graffitis. Ich habe meine Lieblingsgraffitis. Sie sind der Beweis für mich, dass Wien nicht nur „sauber und nüchtern“ ist, sondern dass sich KünstlerInnen die Stadt aneignen und diese nach Ihrem Belieben gestalten.

Ali’s Kebap ist wahrscheinlich der einzige Späti in Wien. Spätis sind im Osten Deutschlands sehr verbreitet, es handelt sich um 24h-Shops, die Getränke und Snacks verkaufen. Es ist stets ein reges Treiben bei Ali, vor allem in Sommertagen ist sein kleines Kebap-Geschäft gut besucht.

Das Café Rüdigerhof hat einen gemütlichen Gastgarten. Sobald der Frühling beginnt, sitzen die Menschen dort und genießen das Grün. Es herrscht eine lebendige Stimmung, man hört Gelächter. Es werden dort leckere Schnitzel serviert und der Mitarbeiter hat diese ganz eigene Wiener Art – direkt, ein wenig ruppig und sehr lustig.

Der sonst so belebte Naschmarkt ist sonntags geschlossen. Endlich gibt es viel Platz, frei zwischen den Ständen herumzulaufen. Wenn die Läden der Marktstände geschlossen sind, werden zahlreiche Graffitis sichtbar. Auch im Winter bleibt es am großflächigen Platz des Naschmarkts bis in den Abend hinein sonnig. Sonntags sind hier fast keine Autos.

Am Ende des Naschmarkts, kurz vor dem Karlsplatz, drehe ich meistens um und laufe die Margaretenstraße wieder zurück. Hier liebe ich es, die Auslagen der Boutiquen zu betrachten. Ich habe meine Lieblingsgeschäfte und Bars, obwohl ich nie drinnen war.

Bali-Sun ist ein einzigartiges Gebäude, welches zwischen den anderen Geschäften der Margaretenstraße heraussticht. Es ist komplett bemalt mit floralen Ornamenten. Es wirkt gleichzeitig traditionell wienerisch und exotisch. Als ich das erste Mal in Wien war, lange bevor ich hier wohnte, habe ich das Bali-Sun das erste Mal gesehen. Seitdem bin ich fasziniert davon. Ich frage mich: wer sind die Menschen, die hier ein- und ausgehen? Sind es BewohnerInnen des Viertels oder reisen sie durch ganz Wien, um genau dieses Sonnenstudio zu besuchen?

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Eingang der Capoeira-Bar.

Am Ende meiner Route passiere ich die Capoeira-Bar. Es wird „Brasilianisches Beisl“ genannt. Ein Beisl ist ein traditionelles Wiener Lokal. Seit ich die Route entlang spaziere, frage ich mich, was ist das Brasilianische an der Bar? Nichtsdestotrotz mag ich die Spiegel und das Fenster, in dem zahlreiche Pflanzen wachsen. Manchmal riecht es hier nach Marihuana. Bevor ich nach Hause gehe, schaue ich ins Innere, um zu sehen, ob sich Menschen in der Bar befinden. Manchmal singen oder tanzen sie.

↬ Marlene Hübner

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